(Un-)Perfektionismus und Murphys Gesetz

Du kennst ihn auch, oder? Diesen Perfektionismus und die Tatsache, dass er ein Trugbild ist. Du kennst ihn vielleicht von der Arbeit, vom Haushalt oder Fenster putzen – wenn schon, denn schon! Unter 100% geht nichts!

Und wahrscheinlich ist dir dieser kleine Troll, wie ich ihn auch nennen würde, auch schon häufiger mal beim ABOREA Spielen begegnet. Oder? Diese kleine Stimme in deinem  Kopf, die mit dir schimpft, wenn du mit deinem Charakter nach links gegangen bist, obwohl du doch bestimmt irgendwie hättest wissen können, dass rechts der sicherere Weg ist! Die Stimme, die sich bei dir meldet, wenn du als SpielleiterIn nicht für DIESE eine Entscheidung eines Spielers die Konsequenzen schon vorher festgelegt hast.

*Augenrollen*

Spielleiter werden ihn kennen: Den perfekten Plan. Den hundertprozentigen Weg. Die ideale Geschichte. Das vollkommene Abenteuer. Und die absolute Ernüchterung, wenn sich deine Gruppe sagen wir … umständlich mit den Dingen auseinander setzt, die du lieferst.

Der Spielleiter erzählt: „Ihr seid endlich an der Küste angekommen. Was für eine Reise…
Schweren Schrittes watest du, Elvior, durch den feinen Sand, als du es siehst … Vor dir im Sand liegt ein Edelstein, ein funkelndes Juwel, das in der Sonne glitzert, wie nichts anderes, das du jemals zu Gesicht bekommen hast. Er ist so wunderschön! Du kannst kaum die Augen von ihm abwenden, und du verspürst den Drang, ihn anzufassen. Doch dann … ganz leise und immer lauter werdend … vernimmst du einen Gesang. Es ist eine Frauenstimme, die ein Lied singt, das du nicht kennst. Aber es beruhigt dich und wiegt dich in einem ganz weichen Gefühl. Fast wie auf Mutters Schoß. Du wendest den Blick vom Edelstein zu deinen Füßen ab und richtest ihn auf das tosende, aufgewühlte Meer. Dort vorne, auf dem Felsen, sitzt da eine Frau? Ja … und sie scheint dich direkt anzusehen, und du hast das Gefühl, sie würde nur für dich singen. Sie ist wunderschön. Du merkst, wie Eifersucht in dir aufsteigt, weil die anderen aus deiner Gruppe in deiner Nähe sind und sie wahrscheinlich auch hören können. Diesen wunderschönen Gesang willst du aber mit niemandem teilen! Was tust du, Elvior?“

Der Spielleiter denkt: „Super! Entweder er lässt jetzt den Edelstein links liegen und will die anderen in einem Tobsuchtsanfall angreifen oder er lässt den Stein links liegen und versucht, zur Frau auf dem Felsen zu kommen. Das sind beides gute Ausgangspunkte für die weitere Geschichte.“

Die Spielerin, die Elvior spielt, antwortet: „Ääääähm … ich … nehme schnell den Stein und renne zu meinen Kumpanen, um ihnen meinen Schatz zu zeigen. Den können wir bestimmt zu Geld machen. Wir sollten schnell abhauen, bevor uns jemand mit dem Stein sieht.“

Und der Spielleiter denkt sich „Dein.Ernst. DEIN ERNST?! Du streichst gerade eine besondere Szene aus MEINEM Abenteuer.“ und hat große Lust, sich die Haare büschelweise auszureißen.

Aber mal ehrlich …

Die große Frage, die du dir in so einem Moment als Spielleiter stellen solltest,  ist: Geht es hier wirklich um meinen Perfektionismus? Also darum, dass das Abenteuer, das ich mir so ausgedacht habe, auch wirklich 1:1 so umgesetzt wird, wie es in meinen Gedanken und auf dem Papier steht? Wohl kaum, oder? Es geht doch viel mehr um ein lustiges, eindrucksvolles und begeisterndes Spielerlebnis für alle in der Runde! Natürlich ist es schade und manchmal auch ärgerlich, wenn du die Helden einfach nicht dazu kriegst, das zu tun, was du geplant hast. Manchmal kannst du dich auf den Kopf stellen und es ändert nichts an den Scheuklappen der Gruppe. Natürlich könntest du hier und da gegenlenken und versuchen, das Geschehen wieder in die richtige Richtung zu rücken. Aber irgendwie ist es ja doch oft so, wie an der Supermarktkasse: Du wählst ja doch immer wieder die Schlange, an der es am längsten dauert. So will es Murphy. Und Murphy spielt wohl manchmal auch bei ABOREA mit.

Nicht ärgern, Umwege gehen!

Nimm dir nicht selbst den Spielspaß, in dem du dich darüber ärgerst, dass etwas nicht perfekt gelaufen ist. Egal, ob als SpielerIn oder als SpielleiterIn. Glaube mir, viele Momente bei denen du jetzt die Augen verdrehst, werden in 3, 5 oder 10 Jahren noch immer präsent sein und bei dir und deinen Freunden für Gelächter sorgen. Und ist das nicht viel mehr wert, als dass dein Abenteuer Schritt für Schritt durchgespielt wurde, genau nach deinem Plan?

Nicht nur SpielerInnen, auch SpielleiterInnen können Scheuklappen aufhaben. Daher solltest du, ganz unabhängig von deiner Rolle in der Spielgruppe, immer auch mal nach links und rechts schauen.

Denn, mal ehrlich – ist Perfektionismus nicht auch ein bisschen langweilig? Und: Sorgen die Würfel nicht eh dafür, dass wir alle von „perfekt“ sehr weit entfernt sind im Spiel? Und sind es nicht genau diese Dinge und Momente, die für Spaß und besondere Erlebnisse sorgen?

Ja!

Von daher: ein Hoch auf den Unperfektionismus und auf die Individualität und alle Macken unserer Charaktere, der NSCs, denen wir begegnen, von uns, als Spielern, und des Spielleiters. 😉

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