Der Nachtghoul

Vielleicht waren sie schon immer eine Geißel der Lebenden und sind die Schöpfung einer bösartigen und heute vergessenen Gottheit.

Man erzählt aber auch die Geschichte von der Winterfrau: Vor langer Zeit soll einmal ein junger Prinz gewesen sein, der einer hübschen Bauerstochter am Juviostag schöne Augen machte. Der Vater des Mädchens erfuhr davon, doch er war unbeeindruckt ob der hohen Herkunft und verbot ihr das abendliche Fest. Sie schlich sich heimlich hinaus und wollte den Prinzen treffen. Doch statt seiner fand ihr Vater sie und sperrte sie bis in den kalten Winter des Jahres ein. In ihrer Stube gefangen, malte sie sich eine Zukunft mit ihrem Traumprinzen aus: Hoch zu Ross ritten sie durch die Tore eines Märchenpalastes, umjubelt vom Volk, Seite an Seite und sie in freudiger Erwartung. Sicher würde der Prinz nach ihr suchen.

Doch es kam niemand und nach Tagen der Traurigkeit folgten Wochen des Hasses. Sie hatte eine große Ungerechtigkeit erfahren, und ihr Wunschtraum – nein, ihr Leben! –  wurde von ihrem tyrannischen Vater zerstört. Eines Abends erschien ihr im Traum ein Dämon in Gestalt eines Kaufmanns. Angelockt von der unablässig sprudelnden Quelle des Hasses, bot er ihr einen Handel an. Er würde ihre Wünsche erfüllen. Dafür müsste sie ihn nur angemessen lange entschädigen. Die Bauerstochter witterte eine List. Daher fragte sie, was „angemessen“ denn bedeuten würde. Der Händler erklärte: Angemessen wäre es, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und alles, was sie nehme, ihm auch zu geben. Das, so schloss er, wäre fair. Erhielt ihr die Hand zum Pakt hin. Sie schlug ein und besiegelte das Bündnis. Sie entkam ihrem Gefängnis und stürmte erwartungsvoll zum fernen Palast, der in Wirklichkeit grau und nicht bunt wie in ihrem Traum war. Doch ihr Vater eilte ihr nach und versperrte ihr den Weg. Es kam zum Streit und immer heftigere Worte wurden gewechselt. Schließlich schrie sie: „Ich wünschte, du wärst tot!“ Daraufhin erstarrte ihr Vater und ließ von ihr ab.

Ohne zurückzublicken eilte sie weiter. Als sie den Prinzen im Wintergarten des Palastes fand, machte er gerade einer ansehnlichen Tochter aus hohem Hause den Hof. Denn der Prinz hatte noch am Abend des gleichen Juviotages damals die hübsche Bauerstochter vergessen. Er konnte sich bei größter Anstrengung nicht mehr an sie erinnern. Sie aber wähnte die Nebenbuhlerin als Ursache dafür und wünschte auch ihr den Tod. Sie verlangte, dass der Prinz nun ihrer sei und ihr Traum in Erfüllung gehe. Denn Pakt sei Pakt und einzuhalten. Der Händler aus ihrem Traum erschien und sagte, dass er leiste, was er versprochen hatte, und alle ihre Wünsche gewähre. Mit einem Fingerschnippen ließ er es geschehen. Stumm und folgsam trat der Prinz an ihre Seite und von jetzt auf gleich spürte sie, dass etwas in ihr heranwuchs. Sie hatte bekommen, was sie verlangt hatte. Doch es war leer, denn sie hatte sich keine Liebe von Dämon gewünschtund nun auch keine erhalten. Enttäuscht wandte sie sich ab, doch der Prinz blieb an ihrer Seite. Schließlich fand sie die andere Frau, starr und erkaltet, und später auch ihren toten Vater. Als sie das Kind gebar, war es eines, das aus Hass erwachsen war, ausgemergelt und hungrig nach dem Leben anderer. Sie verdammte es und schickte es fort. Doch sie wurde erneut schwanger, und wurde es wieder und wieder. Heute noch soll sie auf der grauen Burg diese Kreaturen gebären, wo ewiger Winter sie umschließt. Verjagt von ihrer Schöpferin und angetrieben von einem unstillbaren Verlangen verschlingen sie schlagende Herzen. Und mit jedem genommenen Leben gebiert ihre Mutter einen weiteren Sohn.

Es gibt auch eine andere Legende, die aber weniger verworren ist. Laut dieser soll einst ein Zauberer von den Menschen einer Stadt gefoltert worden sein. Sie wollten ihn langsam töten, doch er entkam. Er versprach, jedem seiner Peiniger das Herz aus dem lebendigen Leib zu reißen. Dafür schuf er Kreaturen, die seine Rache ausführen sollten. Jeder, der ihnen zum Opfer fällt, soll dann selbst zu einem seiner Werkzeuge werden. Vielleicht war es ein Versehen, vielleicht aber war es ihm auch egal oder er war nicht in der Lage, es zu verhindern: Aber seine Schöpfungen hielten nicht ein, als schließlich alle in der Stadt getötet waren – sie zogen in alle Richtungen weiter. Auch er fiel ihnen am Ende zum Opfer.

Beiden Erzählungen entnimmt man, dass man vorsichtig sein sollte, was man sich wünscht. Aber wahrscheinlich haben sie auch eine tiefere Bedeutung.
Die Nachtghoule sind – entgegen ihrem Namen – nicht nur nachts aktiv. Sie sind unter der Sonne aber langsamer und weniger gefährlich. Sie greifen alles Lebende an – gleich ob Tier oder Mensch. Häufig greifen sie zuerst männliche Wesen an. Mit ihren Klauen stechen sie nach dem Herzen und versuchen es herauszureißen. Einige behaupten, dass sie die noch warmen Herzen fressen, aber es kann auch sein, dass sie sich grundsätzlich von Fleisch ernähren. Allerdings werden nur Menschen, denen sie das Herz entfernt haben, auch zu Nachtghoulen. Man ist daher gut beraten, die Leichen zeitig zu verbrennen und nicht zu begraben. Sie leben in zufälligen Gruppen oder sogar Horden und schwärmen des Nachts einzeln aus, auf der Suche nach frischem Fleisch. Sie jagen meistens alleine. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass sie von Reichtümern angelockt werden und vom Glück. Man findet sie daher häufig in der Nähe von Gräbern, denen sie einst entstiegen sind und von denen aus sie sich ausbreiten, oder unmittelbar an einem Hort. So entstehen wohl auch die Ansammlungen. Je älter eine Gruppe ist, desto größer wird sie wahrscheinlich sein.

Ältere Exemplare sind schneller und gefährlicher als neugeschaffene. Sie greifen nicht nur mit ihren Klauen an, sondern beißen auch zu, wenn sie nahe genug herankommen. Wenn sie es schaffen, ihr Opfer zu umklammern, dann versuchen sie, in dessen Gesicht zu beißen. Sie übertragen darüber die gefürchtete Fäulnis-Krankheit, die zurzeit noch nicht heilbar ist. Glücklicherweise stechen sie eher nach dem Herzen, als zu beißen.
Auf der Stirn tragen sie ein auffälliges Mal. Dort, so sagt man, hat sich der Hass auf einen sichtbaren Bereich verdichtet. Wenn man dieses Mal zerstört, fehlt es ihnen an Antrieb und sie schlagen häufig nur noch orientierungslos um sich. Leider hat sich diese Information noch nicht groß herumgesprochen, weshalb die Nachtghoule als äußerst gefährlich gelten.

Junger Nachtghoul [SG 7]
TP 12, INI -1 – bei Nacht +2, Klaue oder Biss, Schaden +0 (+1 bei männlichen Gegnern – siehe Fokus: Männer), KB 6 (Klaue)/KB 10 (Biss), Rüstung +0, Umklammerung, Fäulnis, Erschaffung, Fokus: Männer, Schwachstelle: Stirnmal, Schatz D

Erfahrener Nachtghoul (1+ Jahre) [SG 9]
TP 30, INI +0 – bei Nacht +3, Klaue oder Biss, Schaden +1 (+2 bei männlichen Gegnern – siehe Fokus: Männer), KB 8 (Klaue)/KB 12 (Biss), Rüstung +2, Schwer verwundbar, Umklammerung, Fäulnis, Erschaffung, Fokus: Männer, Schwachstelle: Stirnmal, Schatz D

Älterer Nachtghoul (100+ Jahre alt) [SG 11]
TP 60, INI +1 – bei Nacht +4, Klaue oder Biss, Schaden +3 (+4 bei männlichen Gegnern – siehe Fokus: Männer), KB 10 (Klaue)/KB 16 (Biss), Rüstung +4, Schwer verwundbar, Umklammerung, Fäulnis, Erschaffung, Fokus: Männer, Schwachstelle: Stirnmal, Schatz D

Biss
Mit einer Chance von 1 zu 10 versucht ein Nachtghoul, einen Gegner zu umklammern. Dazu braucht es zunächst einen erfolgreichen Angriff im Nahkampf. Dieser richtet keinen Schaden an, aber hält das Opfer in der Klammer gefangen (und zwar so stark, wie sonst Schaden entstanden wäre). Wenn man es nicht schafft sich zu befreien, dann kann der Nachtghoul in der nächste Runde zubeißen. Trägt man keinen vollen Schutz im Gesicht, dann ist der Bissangriff möglich. Um sich zu befreien, muss ein Athletikmanöver (GE oder ST oder IN) gelingen. Die Manöverschwierigkeit richtet sich nach der Stärke der Umklammerung plus 6. Diese ist so stark, wie sonst bei dem Angriff Schaden entstanden wäre. Hätte also der Angriff, der zur Umklammerung geführt hat, normalerweise einen Schaden von fünf verursacht, dann wäre die MS bei (6 + 5) 11. Ein Biss überträgt die Krankheit „Fäulnis“.

Fäulnis
Wer mit der Fäulnis infiziert wird, ist dem Tode geweiht. Die Haut rund um den Biss verfärbt sich schwarz. So gezeichnete haben ein dünnes Mal im Gesicht, das man manchmal erst auf den zweiten Blick erkennen kann. Die Fäulnis breitet sich nicht an der Stelle aus, sondern verästelt sich über den ganzen Körper und bricht irgendwo anders dann als nächstes hervor. Dort entsteht ein Flecken von ca. drei Zentimetern Durchmesser. Das Fleisch dort verfault. Der nächste Ausbruch kann wieder an einer anderen Stelle passieren. Die Fäulnis breitet sich unterschiedlich schnell aus – einige leben noch Monate, andere versterben binnen weniger Tage. Der erste Ausbruch passiert [ein Würfelwurf Stunden] nach dem Biss.

Pro Ausbruch: Ein Würfelwurf Schaden (unheilbar)
Nächster Ausbruch: 1 Würfelwurf – bei einer 1- 3 in 1 Würfelwurf Stunden, bei einer 4 bis 6 in einem Würfelwurf Tage, bei einer 7 bis 9 in Würfelwurf Wochen und bei einer zehn in Würfelwurf Monaten.
Die Krankheit ist noch unheilbar. Sie kann aber verlangsamt werden und die Ausbreitung sogar gestoppt; Letzteres ist aber extrem aufwendig. Ist der unheilbare Schaden tödlich, dann ist das Opfer unrettbar verloren.

Fäulnis verlangsamen:  Es gibt verschiedene Methoden, die man bisher entdeckt hat, um die Fäulnis zu verlangsamen. Die einfachste ist die dauerhafte Einnahme von Rießkraut, einer Droge. Das Kraut ist in den meisten Regionen illegal und hat Nebenwirkungen. Auch von Erfolg gekrönt – aber äußerst bedenklich – ist das Trinken von einem halben Liter Blut pro Tag (es muss das Blut der gleichen Spezies sein, der auch der Kranke angehört). Außerdem ist es manchmal möglich, dass man die Stelle des letzten Ausbruches großräumig herausschneidet. In allen Fällen ist der nächste Ausbruch immer eine Kategorie langsamer. Würfelt man also beim ersten Wurf eine 4 (also Tage) und beim zweiten eine 5 (demnach also der nächste Ausbruch in fünf Tagen wäre), werden aus den Tagen nun Wochen und der nächste Schub wäre in fünf Wochen.

Fäulnis stoppen: Leider sind die Behandlungsmethoden für einen Stopp noch unangenehmer. Zunächst muss der nächste Ausbruch korrekt vorhergesagt werden. Dazu braucht es ein äußerst schweres Heilkunst-Manöver (MS 14). Dann muss das Opfer in einem Zeitraum von 24 Stunden bis einer Minute vor dem nächsten Ausbruch ein frisches Herz essen. Das kann beispielsweise das Herz eines Tieres sein (auch, wenn einige auf die bessere Wirkung von Herzen der gleichen Spezies schwören). Das verhindert den Ausbruch. Trotzdem wird der nächste bestimmt und muss dann erneut auf die gleiche Weise verhindert werden – und das ein Leben lang. Diese Behandlung kann mit den Methoden zur Verlangsamung kombiniert werden.

Krankheit heilen: Das ist noch nicht möglich. Aber wer weiß – vielleicht finden Sie ja ein Heilmittel …
Ansteckungsgefahr: Von den Opfern geht nur eine geringe Ansteckungsgefahr aus. Wenn sie jemanden beißen würden, dann könnten sie bei einer 1 auf einem Würfel (also einer zehnprozentigen Chance) jemanden infizieren. Allerdings sind die meisten davon überzeugt, dass es wesentlich ansteckender ist …

[Hinweis für die Spielleitung: Diese Kreatur und insbesondere die Infektionsmöglichkeit stellen eine besondere Herausforderung dar. Wenn Sie die Kreatur in Ihrer Spielwelt weniger gefährlich wissen wollen, dann nehmen Sie die Infektionsgefahr für Spielercharaktere heraus – schließlich werden die von den Göttern bevorzugt … In dem Fall ist der SG der Kreaturen jeweils um 3 herabzusenken.]

Schwer verwundbar
Diese Kreatur ist kritischen Schäden und Blutungen gegenüber nicht anfällig. Es gibt daher keinen Bonus bei kritischen Treffern und keine blutenden Wunden.

Erschaffung
Nicht zerstörte Leichname werden innerhalb von einem Würfelwurf Stunden zu jungen Nachtghoulen.

Fokus: Männer
Nachtghoule greifen in der Regel zuerst Männer an. Sie erhalten dazu einen Bonus von +1 auf den Schaden.

Schwachstelle: Stirnmal
Nachtghoule haben eine verwundbare Stelle an der Stirn. Diese ist äußerst schwer gezielt zu treffen (-8; bei Älteren -12, da von Knochenwülsten überdeckt). Einmal getroffen, schlagen die Nachtghoule nur noch ziellos um sich und können dann im Fernkampf gefahrlos zur Strecke gebracht werden. Es ist absurd, von der Schwachstelle zufällig zu wissen.

Erzählt uns gerne von Euren Begegnungen mit dem Nachtghoul! Unser Forum und unser Postkorb sind immer offen.

2 Idee über “Der Nachtghoul

  1. GrafM sagt:

    Sehr komplexe und höchst interessante Monster. Weiß schon wo ich sie, etwas “down the road”, meinen Helden vor die Nase setzen werde. Die Infektionsgefahr sollte für besonderen Nervenkitzel sorgen.
    Danke für die kreative Mühe! 🙂

  2. Pingback: Der Winter ist da … – ABOREA

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