Monster des Monats: Baumgold

von Anja Eble

„Dieser Haderlump, verlaustes Drecksbalg! Hat er mir doch Lumpengold angedreht. Ich hoffe der Brotlaib schimmelt ihm schneller weg als er ihn essen kann! Kaum gibt man einen Moment nicht acht, hat man den Schaden. Schau, wie das klebt, widerlich. Marlee, hol mir den Lappen und heißes Wasser, bevor die Schweinerei überall ist, da kleben schon die ersten Münzen aneinander, ich hasse das Zeug.“
Walder, der Bäcker auf dem Wochenmarkt
 
In den Wäldern um den Casnewyyd finden sich auf eher steinigem Grund immer wieder Haine von schlanken hohen Bäumen, die wenig verzweigt dicht beieinanderstehen. Die Borke ist hell mit rötlichbraunen Flecken und das Holz splittert schnell und taugt weder zum Heizen noch zum Schnitzen. Das spärliche Laub ist herzförmig und von hellgrünem Ton, der im Herbst zu einem kräftigen Gelbbraun umfärbt. Im Laufe des Jahres entwickeln sich aus unscheinbaren fahlgelben Blüten kleine harte Äpfelchen, die so bitter-säuerlich schmecken, dass man sie kaum heruntergewürgt bekommt. Selbst langes Einkochen verbessert den Geschmack nur unwesentlich, aber die Früchte sind gesund und füllen in den schlimmen Wintern knurrende Mägen. Viele arme Familien haben sich mit Hilfe der Armenäpfel, wie die Früchte im Volksmund genannt werden, gerade so über den Winter gerettet. Man erzählt sich, dass die Bäume dort wachsen, wo die Feen getanzt haben und ihnen ein wenig der Lebenskraft innewohnt, die bei einem munteren Reigen freigesetzt wird.

Wird ihre Rinde verletzt, so bluten die Bäume und ihr Harz ist von einem schimmernden Goldgelb, dass man kaum den Blick abwenden kann. Nur selten trocknet das Harz noch am Baum und bildet harte bernsteinfarbene Kügelchen, die auf dem Markt gutes Geld bringen. Bei den Reichen ist das Baumgold beliebt, denn es verströmt einen zauberhaften Duft, wenn es auf glühende Kohlen gelegt wird und so mancher sah im Rausch des Baumgold-Rauchs schon wunderliche Dinge.

Nur zu gerne würde jeder arme Waldarbeiter in das Geschäft mit dem Baumgold einsteigen und sich eine goldene Nase beim Rauchverkauf verdienen, doch neigt das Harz unglücklicherweise dazu, nicht am Baum zu bleiben, um sich dort einsammeln zu lassen. Es ist wohl Magie mit im Spiel, wenn das Harz sich zu münzgroßen Tropfen zusammenzieht, die sich verdichten und ganz wie ein Käfer eine harte Schale und Beinchen ausbilden, um davon zu kriechen. Für den Unwissenden sieht es dann ganz so aus, als würde da eine schimmernde Goldmünze über den Waldboden wandern, auf seltsam durchscheinenden Füßen aus Bernsteingold, ab und an eine Art Fühler ausbildend, um sich auf eine Art zu orientieren, von der Menschen nichts wissen.

Der Zustand dieser wandernden Harzklumpen ist veränderlich, mal sind sie flüssig und durchscheinend wie goldfarbiges Wasser und dann wieder hart und matt wie eine Münze. Je flüssiger sie sind, umso klebriger sind sie auch und neigen dazu allerlei Schmutz anzusammeln. Ebenso versuchen sie, sich ihrer Umgebung anzupassen und die Waldleute schwören Stein und Bein, die Klumpen würden eine gewisse Bauernschläue an den Tag legen. Sie sind erstaunlich gut darin, ihr Aussehen einer geprägten Münze oder einem kleinen Barren Zwergengold anzugleichen.

Ursgrim Graubart, ein Zwerg der für seine Entdeckerschriften über unterirdische Flora und Fauna zu einem gewissen Grad an Berühmtheit kam, stellte bei seinen Forschungen fest, dass die wandernde Form des Harzklumpen sich irgendwann zu einer harten goldenen Kugel verdichtet. Diese überdauert eine leider sehr variable Zeit reglos, bis die Kugel schließlich aufbricht und ein zarter Keimling zum Vorschein kommt, aus dem ein neuer Baum wächst. Ursgrim war es auch, der das erste Mal nachweisen konnte, dass die schlanken Bäume an der Oberfläche, die Armenäpfel genannt werden und die hageren Stecken die unter Tage von Höhlendecken hängen und an denen in dichten Trauben die Glühäpfelchen wachsen ein und dieselbe Art sind. Es scheint sich um eine oberirdische und eine unterirdische Variante desselben Baumes zu handeln. Die Früchte der unteririschen Glühapfel-Variante sind noch weniger wohlschmeckend als die oberirdische und leuchten in einem sanften goldenen Licht. Bei den Zwergen sind sie vor allem als Beleuchtung für die Kinder sehr beliebt, denn niemand der jemals in eine der Früchte gebissen hat, tut es freiwillig so schnell wieder und in den dunklen kühlen Stollen dauert es lange, bis die Früchte vertrocknen und an Leuchtkraft verlieren.

Auch die unterirdische Variante bildet das wandernde Harz, wenn die Rinde verletzt wird und die Wurzeln der Bäume reichen tief und verzweigen sich auf einer großen Fläche in jede noch so kleine Ritze im Gestein. Bei den Zwergen heißt es, verletzt man den Glühapfel bei Grabungsarbeiten, so blutet er falsches Gold. So mancher vermeintliche Schatzfund entpuppte sich später als verkapselte Harzwanderer, die darauf warten, entweder zu einem Keimling zu werden oder von Unwissenden an zum Keimen besser geeignete Orte gebracht zu werden.

So gelangten die Harzwanderer auf den Wochenmärkten zu der unrühmlichen Bezeichnung Lumpengold, weil immer wieder versucht wird, Einkäufe mit dem falschen Gold zu zahlen. Ein Biss auf die Münze sorgte auch schon bei misstrauischen Verkäufern dafür, dass sie einen Zahn verloren, als er in der plötzlich flüssiger werdenden Masse stecken blieb, die eben noch als Gold durchging. Von harzverklebten Geldbörsen und Hosentaschen wissen auch viele Leidtragende ein Lied zu singen. Die alte Baschka schwört, dass das Harz im flüssigen Zustand dafür sorgt, Wunden schneller heilen zu lassen, aber der Waldarbeiter Jasko lebt schon seit drei Wintern mit einer scheinbar goldgefüllten Axtwunde am Bein, weil das heilende Harz plötzlich fest wurde und sich nicht entfernen lässt. Seitdem fürchtet er jeden Frühling, weil er Angst hat, dass ihm ein Armenapfelbaum aus dem Bein wachsen könnte.

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