Community-Kurzgeschichte: Die Vision der Hexe

Von Christina “Lynx” Holzapfel

Schwarze, dünne Stämme umringten sie. Mit ihren knorrigen Ästen bildeten sie ein löchriges Dach, zwischen dem ein orangener Himmel leuchtete. Fahlgraues Moos wucherte um sie herum. Als sie sich aufrichtete, schien es an ihr zu kleben. Langsam, beinahe widerspenstig, glitt es an ihr hinab. Mühsam stand sie auf und drehte sich einmal um sich selbst. Die Stelle an der sie gelegen hatte, war tief in das Moos eingesunken. Ein graues Bett oder auch ein Grab? In ihrer Nähe befand sich ein kleiner Teich, dessen schwarzes Wasser wie ein unheilvoll glänzender Spiegel war. Ein Kreischen durchbrach die kalte Stille, begleitet vom Schlagen unzähliger Flügel. Große, schwarze Vögel erhoben sich aus den Bäumen und stoben dem brennend orangenen Himmel entgegen.

Auf wackligen Beinen stakste sie zu dem kleinen Teich. Unwohlsein pochte in ihrer Brust. Dennoch hockte sie sich am Ufer nieder und beugte sich über das schwarze Wasser. Ein fahles Gesicht blickte ihr entgegen, kränklich und von Strapazen gezehrt. Umrahmt wurde es von verfilzten, dunklen Zotteln. Erst auf den zweiten Blick erkannte sie sich selbst. Oder besser gesagt, eine Variante von sich selbst. Was war mit ihr geschehen, dass sie nun so aussah? Zaghaft streckte sie die Hand aus, hielt dann aber inne. Ihre Instinkte gemahnten sie, nicht die spiegelnde, schwarze Oberfläche des Wassers zu berühren. Ihr anderes Ich in dem finsteren Spiegel tat es ihr gleich. Doch wo die Verwunderung in ihrem Blick hauste, funkelte in den Augen ihres Abbildes ein bedrohliches Funkeln. Erschrocken zuckte sie ein wenig zurück. Ihr Gegenüber wich dieses Mal von ihrer eigenen Bewegung ab. Anstatt es ihr gleich zu tun, verharrte das Zerrbild ihrer Selbst. Mahnend erhob es seine blasse Hand und legte einen Finger auf die rissigen, aufgeplatzten Lippen. Ihr Unwohlsein wuchs ins Unermessliche. Allerdings meldete sich auch Ihre Neugierde. Verunsichert beugte sie sich wieder etwas nach vorne, bis sie wieder genau über dem Spiegelbild war. Erst jetzt bemerkte sie, dass nur sie selbst in dem schwarzen Teich zu sehen  war. Ein geschundenes Gesicht auf dunklem Grund. Weder die Äste der Bäume, noch der orangene Himmel waren zu sehen. Lediglich ein violetter Schimmer war um sie herum zu erahnen.

Fragend blickte sie ihr Spiegelbild an. Doch dieses verharrte regungslos, einen Finger auf die Lippen gelegt und einen unheimlichen Ausdruck in den Augen. Das, was im ersten Moment wie eine Warnung erschien, gab ihr immer mehr das Gefühl, nur ein Vorbote ihrer eigenen Grausamkeit zu sein. Was wollte es ihr nur sagen? Sie war kein grausamer Mensch. Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Eine einzelne, lange Haarsträhne löste sich von ihrer Schulter und sank auf das dunkle Wasser hinab. Hastig griff sie danach, um zu verhindern, dass sie das Wasser berührte und das Spiegelbild durch kleine Wellen zerstörte. Ihre Bewegung war schnell aber auch ebenso fahrig. Mit den Fingern erfasste sie die Strähne. Doch ihre Knöchel streiften dabei die Oberfläche des Spiegelteichs.

Nahezu im selben Moment wurde ihr schlecht. Plötzlich waren die schwarzen Vögel zurück. Myriaden dunkler Flügel schlugen über ihr. Das Gekreische ihrer Stimmen war ohrenbetäubend und bereitete ihr regelrechte Schmerzen. Sie krümmte sich und würgte. Ein scharfer Wind rauschte in den Wipfeln der schwarzen Bäume. Etwas kroch ihre eigene Kehle hinauf. Nur einen Wimpernschlag später erbrach sie einen Schwall schwarzer, ölig glänzender Federn in den Teich. Ihr war nach Schreien zumute, doch sie konnte es nicht.

Rechts von ihr zerbarsten einige Baumstämme mit einem lauten Krachen. Das Rauschen und das Vogelgeschrei schwollen noch weiter an und trieben ihr Tränen in die Augen. Sie schlug sich die Hände an die Ohren. Ein großer, schwarzer Schemen baute sich zwischen den geborstenen Stämmen auf. Langsam schälten sich Konturen aus der Finsternis. Ein Schnabel und Federn wurden erkennbar. Der Körper einer großen Raubkatze schritt ebenso majestätisch wie bedrohlich auf sie zu. Seine Krallen gruben sich tief in das fahle Moos. Schlagende Flügel komplettierten das Bild. Sie hielt den Atem an, unfähig sich zu rühren. Das kalte Feuer eisfarbener Augen fixierte sie. Einige Sekunden lang hielt es inne, knurrend und geifernd. Dann sprang es auf sie zu.

Mit einem Rucken des Kopfes erwachte Jana aus ihrer Trance. Ihr Atem ging stoßweise. Auf ihren Wangen spürte sie Tränen hinab rinnen. Mit dem Handrücken wischte sie diese ab. Dunkel glitzerten die Tränen auf ihrer Haut und Jana erkannte, dass diese ebenso tiefschwarz waren, wie die Bestie aus ihrer Vision. Ihr war schwindelig und sie hatte mit Übelkeit zu kämpfen. Angestrengt versuchte sie sich zu beruhigen. Hinter ihr knisterte ein Feuer im Kamin, jedoch konnte seine Wärme sie in den ersten Momenten nicht erreichen. Unter der Decke raschelte das Gefieder ihres Gefährten. Der Duft ihres Tees erfüllte den Raum. Alles Dinge, die ihr helfen sollten, wieder in die Realität zurück zu finden. Nach einer solch intensiven Trance fiel es ihr dennoch schwer. Mit zitternden Händen griff Jana nach einem Stück getrocknetem Apfel. Langsam schob sie es in den Mund und kaute bedächtig. Ihr Gefährte hüpfte von den Dachbalken herunter und setzte sich vor ihr auf den Boden. Der Rabe fasste mit einem Schnabel ihren Rocksaum und zupfte daran. Einen Augenblick ließ Jana ihn gewähren, beendete sein Spiel dann aber mit einer sanften Handgeste. Sie stand auf und suchte ein paar Habseligkeiten zusammen, die sie allesamt in einen Rucksack packte. Das Kaminfeuer löschte sie. “Etwas Schlimmes wird passieren”, sagte sie abwesend zu ihrem Gefährten. Stiefel und Mantel waren schnell gegriffen. Mit wenigen Schritten war sie bei der Tür. “Komm, wir müssen die Menschen in Sechys warnen.” Auffordernd blickte sie den Raben an und hielt ihm die Türe auf, bis dieser hindurch geflogen war. Dann machte sie sich auf den Weg.

Was denkt ihr, wen die Hexe warnen wird? Werden eure Charaktere in die Geschehnisse involviert sein, die ihren Schatten hier vorauswerfen? Vielleicht ist es sogar ein Charakter aus eurer Spielrunde, den diese Vision ereilt. Schreibt uns eure Ideen dazu.

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